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Hilal Sezgin hat Philosophie studiert und danach mehrere Jahre im Feuilleton der Frankfurter Rundschau gearbeitet. Jetzt lebt sie als Buchautorin und freie Journalistin u.a. für DIE ZEIT und die taz in der Lüneburger Heide.

 
 
 
Antisemitismus & Islamfeindlichkeit - Rezension
Rezension von Hilal Sezgin

Manche Zeitgenossen bezweifeln gar, dass es sie gibt: die Islamophobie, oder Islamfeindlichkeit. Tatsächlich sind beide Begriffe erst seit wenigen Jahren in Gebrauch. Der erstere hat den Vorteil, dass er als deutsche Form der angelsächsischen „Islamophobia“ sozusagen international anschlussfähig ist. Er ist analog zu „Xenophobie“ und „Homophobie“ gebildet und bezeichnet nicht etwa eine individuelle pathologische Neigung zur Furcht, sondern ein kollektives Vorurteilsmuster gegenüber dem Islam beziehungsweise Muslimen. Tatsächlich stecken ja hinter dem, was öffentlich gern als „Angst vor dem Islam“ bezeichnet wird, weniger Ängste vor einer tatsächlichen Bedrohung als vielmehr Ressentiments, die in Form diverser Pauschalurteile über den vermeintlich archaischen, demokratieresistenten, frauenfeindlichen Islam ihren Ausdruck finden.

Dem Begriff „Islamfeindlichkeit“ ist dieser Kontext deutlicher anzumerken, zumal er an die alte Form der „Ausländerfeindlichkeit“
erinnert. Und tatsächlich vertreten viele derer, die die Existenz der Islamfeindlichkeit nicht einfach abstreiten, sondern vielmehr zum Gegenstand ihrer Untersuchungen machen, die Auffassung, dass wir es hier schlicht mit einer neueren Erscheinungsform der Ausländerfeindlichkeit, also letztlich des Rassismus zu tun haben. So neu die Begriffe klingen mögen: Islamfeindlichkeit wäre demnach kein exklusiver Rassismus, der mit seinem Feindbild Muslim urplötzlich die Bühne politischer Probleme betreten hätte, sondern eine Abwandlung oder Ausformung des Rassismus, der in allen uns heute bekannten Gesellschaften, vorsichtiger formuliert: allen bekannten  
Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, 483 Seiten.
nationalstaatlich gerahmten Gesellschaften anzutreffen ist.

Diese kleine Begriffsklärung sei kurz vorausgeschickt, weil sie nahezu das Einzige ist, was der von dem Islamwissenschaftler Torsten Gerald Schneiders herausgegebenen Sammelband mit dem Titel „Islamfeindlichkeit – Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen“ nicht bietet. Ansonsten hält der Band auf seinen knapp 500 Seiten zu allen möglichen Facetten des Problems insgesamt 28 Einzelbeiträge bereit, nach vier Themenschwerpunkten sortiert: historische Ausgangspunkte der Islamfeindlichkeit in Deutschland, aktuelle Lage, Islamfeindlichkeit in institutionalisierter Form sowie ihre prominentesten Protagonisten.

Fangen wir mit dem ersten Teil an. Wenn die Begriffe neu sind, das Phänomen aber möglicherweise nicht – wie weit reichen seine Wurzeln zurück?

Frühe Anfänge des Feindbilds Islam

In diesem Abschnitt gehen die AutorInnen auf die lange Geschichte der Angst vor den Arabern beziehungsweise muslimischen Eroberern ein, die allerdings, so legt insbesondere der Beitrag des evangelischen Theologen Thomas Naumann nahe, von Beginn an den Aspekt des Irrationalen und der Projektion hatte. Man meinte rückzublicken auf die muslimische Expansion früherer Jahrhunderte, ließ sich bei deren Rekonstruktion aber tatsächlich von dem leiten, was in der eigenen Gegenwart geschah.

So schreibt Naumann, dass die Europäer der frühen Neuzeit „die gewaltsame christliche Rückeroberung des maurischen Spanien und die Christianisierung Lateinamerikas vor Augen“ hatten. In diesem Zusammenhang sei religiösen Minderheiten oft nur die Wahl zwischen Zwangstaufe, Auswanderung oder Tod geblieben:

Das historisch wahrscheinliche Bild der rasanten muslimischen Expansion im 7. Jahrhundert sah anders aus: die Byzantiner hatten einen Teil der orientalischen Kirchen als Häretiker hart unterdrückt, und sie hatten die jüdische Minderheit mit Zwangsbekehrungen zum Christentum bedroht. Dadurch hatten sie unfreiwillig die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass ein nicht geringer Teil der Bevölkerung die muslimischen Heere als Befreier vom byzantinischen Joch dankbar begrüßte, oder zumindest den neuen Machthabern aufgeschlossen gegenüberstand. (S. 23/24)

Die Historikerin Almut Hövert steuert anschauliche Zitate aus frühneuzeitlichen Texten über die „Türkengefahr“ bei, der Religionswissenschaftler Claudio Lange interpretiert aus dem elften Jahrhundert stammenden Reliefs an den Kapitellen der Klosterkirche von Saint-Benoît-sur-Loire „das älteste antiislamische Bildprogramm“, also gleichsam die erste Mohammed-Karikatur Westeuropas.

Einen ebenso originellen wie fruchtbaren Ansatz wählt Gerdien Jonker, der anhand von Darstellungen in Schulbüchern unterschiedlicher europäischer Länder vergleicht, wie das jeweilige Angst- oder Feindbild Islam aussieht. Es gibt hier, gerade auch in der Vermittlung historischen Wissens, offenbar große Unterschiede.

Der Mythos der Kreuzzüge ist seit dem 19. Jahrhundert ein Dauerbrenner in polnischen, österreichischen, deutschen und niederländischen Geschichtsbüchern, nicht aber in den skandinavischen Ländern oder in Italien. Russische, baltische und polnische Geschichtsbücher assoziieren „Islam“ zuallererst mit „Tataren“, jener mittelalterlichen Bezeichnung der Gruppe von Mongolen, die bis ins westliche Polen vorgedrungen waren... Niederländer, Engländer und Franzosen wissen nicht um diese europäische Wahrnehmung, sondern betrachten die islamische Welt durch die Linse ihrer Kolonialvergangenheit. (S. 77)

Und so kommt der Sammelband schließlich in der Gegenwart an. Der Kommunikations- und Politikwissenschaftler Kai Hafez untersucht, wie sich Stereotype vom Islam in der heutigen Mediengesellschaft manifestieren und konsolidieren. Ein Mechanismus, der zur Verhärtung von Stereotypen beiträgt, ist der „Nachrichtenwert“ des „Konflikts“; weswegen die Berichterstattung zum Islam immer unter dem Damoklesschwert der Katastrophenmeldung auf der Stelle tritt. Hafez weiß aber auch auf den gleichsam irrationalen Aspekt informeller Informationsverläufe hin, bei denen sich Journalisten aneinander orientieren und mit Themen gleichsam infizieren. Insgesamt fällt Hafez’ Urteil für die deutschen Medien ziemlich vernichtend aus:

Die Genese des Islambilds deutscher Medien zeigt ein ganz überwiegendes Desinteresse am Islam als Religion und der Vielfalt seiner gesellschaftlichen Äußerungsformen, Dies gilt übrigens analog für die Wahrnehmung des Judentums, das vielfach aus Holocaust und Zionismus beschränkt wird... Das Medieninteresse konzentriert sich in hohem Maß auf radikale Facetten des Islam; einer Religion, die im Wesentlichen die Funktion zu haben scheint, als radikaler ideologischer Gegenentwurf zur westlichen Gesellschaft zu dienen. Erneut zeigt sich hier, wie Huntingtons Kulturkampf kommunikativ konstruiert wird. (S. 105)

Diesen Faden des heutigen Feindbildes nimmt schließlich Werner Ruf auf, der damit etwas grundsätzlicher in moderne Theorien vom Rassismus einsteigt. Zunächst einmal macht er darauf aufmerksam, dass „die Konstruktion des Wir immer eines Anderes [bedarf], von dem das Wir sich positiv absetzt, indem es dem Anderen negative Charakteristika zuschreibt“ (S. 119).

Doch warum sind gerade Muslime die neuen Anderen des europäischen „Wir“ der Gegenwart? Ruf macht hierfür innen- wie außenpolitische Gründe verantwortlich. Ja, die Wirksamkeit des Feindbilds Islam liegt laut Ruf wohl gerade darin, dass es sich für eine (die Stärkung der Gemeinschaft nach innen) ebenso gut eignet wie die Abgrenzung nach außen (im Zeichen virulenter Kriege und neo-imperialistischer Strategien im Nahen Osten).

So instruktiv die bisher erwähnten Beiträge zur Historie des Feindbilds Islam im Einzelnen sind, eines lassen sie doch offen: Handelte s sich um ein Kontinuum antiislamischer Stereotype, die sich zwar verändern, einander aber zitieren und verstärken? Wenn ja, wie genau „überwintern“ Stereotype, und wie lassen sie sich reaktivieren und je nach aktueller Lage modifizieren? Wie verhielten sich eigentlich zum Beispiel die antiislamischen Schreckbilder jener französischen romanischen Dorfkirche zu den damals ja ebenfalls, wenn nicht noch viel stärker aktiven antisemitischen Motiven? Wenn in sämtlichen mittelalterlichen und neuzeitlichen Jahrhunderten die tatsächlich Leidtragenden des europäischen Rassismus die jüdische Minderheit im eigenen Land sowie die Bevölkerungen in den Kolonien waren, wieso „brauchten“ die Gesellschaften dann zur Stärkung des „Wir“ noch ein Feindbild der Abwesenden (die die Muslime ja weitgehend bis ins 19., 20. Jahrhundert blieben)?

Es bleiben viele Fragen unbeantwortet. Dem Werk ist dies nicht zum Vorwurf zu machen, aber letztlich wirft ein solches historisches Panorama mehr Fragen auf, als es beantworten kann.

Aktuelle Erscheinungsformen der Islamfeindlichkeit

Ein nicht ganz leicht zu lesender, weil in die aktuelle empirische Einstellungsforschung einführender Artikel des Sozialwissenschaftlers Jürgen Leibold zeigt und interpretiert die Entwicklung allgemein fremdenfeindlicher und speziell islamfeindlicher Vorurteile im Zusammenhang mit Gefühlen tatsächlicher Bedrohung. Dabei liefert der Autor ungewollt aber auch Anschauungsmaterial für das zu Beginn dieser Rezension dargelegte Grundproblem: Viele Menschen erkennen gar nicht, beziehungsweise weisen die Behauptung zurück, dass es Islamfeindlichkeit gebe. Wenn Leibold als Indikator für Islamfeindlichkeit Zustimmung zu Äußerungen wertet wie „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land.“, würden viele andere deutsche BürgerInnen sagen, dies sei eine ehrliche Aussage, die nichts mit „Feindlichkeit“ gegenüber irgendwem zu tun habe. Man kann hier sogar, wie Thilo Sarrazin, noch viel weiter gehen – was als rassistisch zu gelten hat, darauf hat sich die deutsche Öffentlichkeit noch längst nicht geeinigt.

Subjektive Diskriminierungserfahrungen und Einstiegsbarrieren zum Beispiel bei Bewerbungsverfahren stellt der Diplom-Pädagoge Mario Peucker dar, der Philosoph und katholische Theologe Heiner Bielefeld gibt einen hervorragenden Überblick über das gesamte Spektrum des deutschen Islambilds, und der Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani seziert auf stilistisch wie inhaltlich exzellente Weise die Art des „Surenpingpongs“, nach dem sich Ankläger und Verteidiger das Islams oft genug Zitate aus dem Koran an den Kopf werfen.

Kermani besteht als Islamwissenschaftler nicht nur einerseits darauf, dass diese Zitate im textlichen und historischen Kontext gelesen werden müssen, sondern erinnert andererseits auch daran, dass vieles in der Alltagspraxis der Muslime und im Laienverständnis anders ausgelegt wird – und zwar oft durchaus im Sinne der Moderne. Heutige Muslime haben oft längst Formen der „Aktualisierung“ zum Beispiel rechtlicher Vorschriften gefunden, die zwar islamwissenschaftlich gar nicht korrekt sein mögen – aber sie funktionieren, in der Glaubenspraxis wie im menschlichen Miteinander.

Der Rechtswissenschaftler Stefan Muckel stellt die Schwierigkeiten vor, wenn es darum geht, islamisches Religionsgemeinschaften in einen Staat zu integrieren, der zwar seinem Selbstverständnis nach der Religion gegenüber neutral ist, das tatsächlich aber ein aufs Christentum konzentriertes Staatskirchenrecht entwickelt hat. Hier sind Modifikationen zu fordern, die wohl nicht immer einfach sein werden. Dennoch:

Aber es ist zu erwarten, dass Muslime, wenn sie auf dem Weg dahin weitergehen und sich nicht resignierend zurückziehen, erkennen werden: Das deutsche Staatskirchenrecht, das dann wohl in der Tat „Religionsverfassungsrecht“ genannt werden sollte, bietet ihnen enorme Entfaltungschancen. Sie sind hierzulande so groß wie in kaum einem anderen Land.“ (S. 254)

Leider nur kurz geht Muckel auf die Kopftuchgesetzgebung als Grund- und Menschenrechtsproblematik ein, meint allerdings, das Verbot von Kopftüchern für Lehrerinnen an öffentlichen Schulen käme „in seiner Wirkung einem Berufsverbot nahe“. (S. 250)

Einen fundierten Überblick über das Themengebiet Islam in der Schule – samt Kopftuchstreits und Konflikten wegen Sport- und Sexualkundeunterricht - gibt die Soziologin Yasemin Karakasoglu, die abschließend ganz unaufgeregt zusammenfasst, dass es in jeder multikulturellen oder multireligiösen Gesellschaft zu derartigen Auseinandersetzungen kommen kann. Beide Seiten hätten Gründe zur Verunsicherung.

„Der Unterschied ist jedoch derjenige, dass die Minderheiten als Neuankömmlinge in dieser Gesellschaft mit offenbar nicht mehr zu hinterfragenden kulturellen Standards der Mehrheitsgesellschaft konfrontiert werden, an deren Weiterentwicklung und Festlegung sie nicht beteiligt waren. Ihr Versuche, mit Mitteln des Rechtsstaates eigene Standards einzubringen, stoßen in der Regel auf Unverständnis und Ablehnung.“

Warum eigentlich?, mag man sich nach kurzem Nachdenken fragen. Ist es nicht genau das, was wir von den EinwandererInnen verlangen: dass sie mit den in diesem Land gewährten und anerkannten Mitteln ihre Sicht und Lebensweise einzubringen versuchen? Ist es nicht das, was uns alle zu BürgerInnen macht?

Gewalt gegen türkisch-stämmige Frauen

Besonders hervorzuheben, sowohl wegen der Dringlichkeit des Themas als auch wegen seiner Informationsdichte, ist der Beitrag der Sozialwissenschaftlerin Monika Schröttle, die untersucht, welcher Gewalt Frauen mit türkischem Migrationshintergrund ausgesetzt sind. Keine leichte Frage, als die familiäre und, in Form von Zwangsverheiratung, auch sexuelle Gewalt unter „Muslimen“ in den letzten Jahren oft genug medienwirksam thematisiert wurde – nicht im Rahmen eines allgemeinen feministischen Diskurses, sondern eher im Zuge einer Stigmatisierung. Patriarchal, rückständig und gewalttätig, das sind vor allem „die Anderen“.

Und so will auch Schröttle den vorschnellen Schluss abwehren, dass es sich ausschließlich um ein Problem in türkischstämmigen Familien handele.

Fast unmerklich werden dadurch Probleme häuslicher Gewalt und die Gleichstellungsdefizite von Frauen und Männern in der deutschen Mehrheitsgesellschaft unsichtbar (gemacht) und verdeckt.) (S. 269)

Tatsächlich sind die von ihr genannten Zahlen zu physischer, sexueller und psychischer Gewalt gegen Frauen in Deutschland ganz allgemein so hoch, dass man sich entsetzt fragt, wie die feministische Aufmerksamkeit auf diesem Sektor überhaupt je nachlassen konnte. Wann haben „wir“, im Sinne der kritischen Öffentlichkeit, „vergessen“, wie weit verbreitet sämtliche Formen sexistischer Gewalt nach wie vor sind?

Allerdings zeigen sich in allen von Schröttle jeweils auf Basis seriös wirkender empirischer Studien herausgearbeiteten Zahlen, dass türkischstämmige Frauen von diesen Problemen deutlich öfter und stärker betroffen sind als deutschstämmige. Oft werden auch russischstämmige Frauen als Vergleichsgruppe herangezogen – diese sind im Vergleich zu Deutschen mehr, zu Deutschtürkinnen aber oft weniger belastet. Gerade in Fällen schwerer körperlicher oder sexueller Übergriffe durch den derzeitigenLebenspartner liegt der Fall der Frauen türkischer Herkunft mit 29 Prozent mehr als doppelt so hoch wie der der deutsch-deutsche Frauen (13 Prozent). Wie gesagt, im Grunde sind beide Zahlen entsetzlich. Jede achte – beziehungsweise jede dritte bis vierte Frau! Dass die Werte allerdings so variieren, mag

darauf zurückzuführen sein, dass sie länger in gewaltbelasteten Paarbeziehungen verharren, während sich Frauen aus den anderen Befragungsgruppen schneller daraus lösen (können). Gewalt baut sich oftmals erst im Verlauf einer Beziehung auf. Dadurch erhöht sich das Risiko, schweren Misshandlungen zum Opfer zu fallen. (S. 277)

Schockierend sind auch die Zahlen zu Zwangsverheiratungen, die Schröttler verschiedenen Studien entnimmt. Auch hier legt sie Wert darauf zu hinzuweisen, dass das Bild der türkischstämmigen und daher gleichsam automatisch zwangsverheirateten Türkin nicht stimmt. Dennoch: Jede elfte bis zwölfte fühlte sich zum Zeitpunkt der Eheschließung dazu gezwungen. Knapp ein Achtel wurde vor der Eheschließung nicht zu ihrer Meinung befragt. In all diesen Fällen wird die Situation der betroffenen Frauen nicht gerade dadurch erleichtert, dass viele von ihnen einen Mangel an vertrauten sozialen Kontakten außerhalb der engeren Familie beklagen. Einfache Schuldzuweisungen erweisen sich hier als ebenso deplatziert wie einfache Lösungsvorschläge.

Mehreres dürfte parallel wirksam sein: Fremdausgrenzung und Selbstisolation eines teils der ethnischen Minderheiten in Deutschland, geschlechtsspezifische Kontrolle und Einschränkung eines Teils der Frauen mit Migrationshintergrund, sprachliche Probleme, die den Anschluss zu anderen Bevölkerungsgruppen erschweren und nicht zuletzt Diskriminierungs- und Ausgrenzungsmechanismen durch die deutsche Mehrheitsbevölkerung. (S. 282)

Gerade vor diesem Hintergrund, das legt die Lektüre von Schröttles Artikel zumindest nahe, muss man sich die Frage stellen, ob der derzeitige Anti-Kopftuch- und Opferdiskurs, in dem muslimische Frauen derzeit stigmatisiert werden, den Handlungsspielraum in Not geratener Frauen wirklich vergrößert oder nicht vielmehr weiter verengt.

Kontexte der Islamfeindlichkeit

Auf das letzte Thema „Gewalt gegen Frauen“ zurückblickend kann man fragen: Was hat diese eigentlich mit dem Thema Islamfeindlichkeit zu tun? Oder auch nur mit dem Thema Islam? Gewalt gegen Frauen, oder eben das feministische Engagement dagegen, sind im Grunde weder logisch noch empirisch mit dem Islam verknüpft. Die Verknüpfungen finden erst innerhalb eines öffentlichen Diskurses statt, der bestimmte negative (selten auch: positive) Merkmale und Phänomene in signifikanter Weise mit einer Bevölkerungsgruppe in Zusammenhang bringt. Dies werden zuallermeist Medien wie Presse, Fernsehen und gelegentlich auch Hörfunk sein. Die prominentesten Protagonisten der sehr einseitigen und oft gehässigen Islam-„Debatte“ wie Henryk M. Broder, Necla Kelek und Seyran Ates werden im letzten Teil des Buches genauer analysiert.

Dass man die allgemeine Niveaulosigkeit nicht einigen wenigen Stimmen zu verdanken hat, und die Schuld daran auch nicht kategorisch der vermeintlich so differenzierten „Qualitätspresse“ ab- und dem „Bild“-Niveau zusprechen kann, zeigt u.a. der Beitrag des Sprachwissenschaftlers Siegfried Jäger. Sogar wer eine als „links-liberal“ bekannte Zeitung abonniert hat, ist nicht gegen islamfeindliche Stereotype gefeit – was freilich die meisten MuslimInnen Deutschlands schon mehrfach am eigenen Leib erlebt haben und was – dies eine unbewiesenene These der Rezensentin – auch ein Hinderungsgrund sein dürfte, warum oder wenn sie als Abonnenten nicht zu gewinnen sind. Als muslimische MediennutzerIn ist man nie und nirgends vor Totschlagargumenten zu den Stichworten Scharia, Terrorismus, Kopftuch o.ä. sicher.

Und so gehen auch in dem vorliegenden Sammelband mehrere Artikel auf Islamfeindlichkeit in den Medien ein; es wird aber auch nach weiteren öffentlichen Kontexten und Institutionen gefragt. Zwei Kapitel des Bandes beschäftigen sich mit der, vorsichtig ausgedrückt, ambivalenten theologischen und praktischen Haltung der evangelischen sowie der katholischen Kirche zum Islam.

Sowohl als Expertin als auch als Leidtragende weiß schließlich die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer, die wegen ihrer Arbeiten über Islamophobie immer wieder Zielscheibe rechter Internetuser wird, von der starken Verbreitung rechter Internetseiten zu berichten, die explizit den Islam als ihr Hauptthema ansehen. Dabei handelt es sich keineswegs nur um die berühmt-berüchtigten AktivistInnen von politically incorrect oder den Broder-Blog „Achse des Guten“. Nein, Schiffer stellt eine Liste von über 70 Seiten zusammen! Deren Namen, wenn die Sache nicht so ernst würde, an sich oft lachhaft wären: Wer bitte, möchte Zeit und Energie in Blogs wie „Isismond“, „Nebeldeutsch“, „Minaretta“ oder„Kameltreiber“ investieren?

Fazit

Auch wenn dies aus Platzgründen leider nicht geschehen kann, wären im Grunde sämtliche Beiträge des Bandes einer eigenen Darstellung und Diskussion wert gewesen, sind sie doch alle wohl recherchiert, verfügen über zahlreiche Einsichten und Thesen und sind auf durchgängig sehr hohem Niveau. Vermisst werden, wie bereits angedeutet, höchstens ein eigener Beitrag zur Menschenrechtsproblematik der Kopftuchverbote - sowie „die“ ultimative Theorie, die den großen Bogen der europäischen Islamfeindlichkeit zu spannen und letztlich mit der Geschichte und Motivlage sämtlicher anderer Rassismen verbinden könnte. Dass sich eine solche Erklärung (derzeit?) nicht leisten lässt, versteht sich von selbst.

Sinnvoll wäre vielleicht auch ein kleines Kompendium der islamfeindlichen Stereotype gewesen, wie man es aber in anderen Arbeiten Sabine Schiffers und in einem Internet-Link des Soziologen Achim Bühl finden kann. Letzterer untersucht eigentlich die Tragfähigkeit von Analogien zwischen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit und stellt dazu weit verbreitete Vorurteile und „Argumente“ zusammen.

Doch mehr als das, was in dem Band nicht vertreten ist, beeindruckt natürlich die Fülle dessen, was er enthält. Vieles, was unter besorgten MuslimInnen und Antirassisten oft schon „andiskutiert“ wurde, kann man hier in vertiefter und wissenschaftlich abgesicherter Form wieder finden. Diejenigen, die grundsätzlich nicht an die Existenz von Islamfeindlichkeit zu glauben, wird das nicht bekehren; das ist vermutlich auch gar nicht möglich. Alle anderen aber sollten sich diesen Band kaufen und sich seine knapp 500 Seiten zumindest portionsweise zu Gemüte führen – als Anregung zum Nachdenken, zum Nachschlagen und zur Weiterbildung.

März 2010

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