Workshop vom 4 - 6. November 2005 am Zentrum für Literaturforschung in Berlin
Bericht von Susan Arndt und Peggy Piesche
Der Workshop "Rasse': Historische und diskursive Perspektiven" folgte dem Konzept, aktuelle Diskussionen um die Verwendung von "Rasse" innerhalb des akademischen Alltags aufzugreifen. In einer intensivierten Arbeitsform sollte seine Begrifflichkeit sowohl historisch als auch und diskursiv verortet werden, um schließlich die Implementierung einer kritischen Auseinandersetzung mit "Rasse" in der akademischen Lehre konzeptuell anzustoßen. Dabei zielte dieser Workshop zum einen auf eine transdisziplinäre Auseinandersetzung, die vor allem auch gegenwärtig häufig noch stark divergierende Ansätze in naturwissenschaftlichen und sozial- bzw. geisteswissenschaftlichen Disziplinen miteinander ins Gespräch bringen sollte. Zum anderen sollte der Begriff "Rasse" historisch hergeleitet und in seiner aktuellen gesellschaftlichen Dynamik verortet werden. Der Workshop war eine Kooperationsveranstaltung des VW-Projektes "Afrika-Europa. Transporte, Übersetzungen, Migrationen des Literarischen" am Zentrum für Literaturforschung (vertreten durch Susan Arndt), Peggy Piesche vom Projekt Black European Studies an der Universität Mainz und der Heinrich-Böll-Stiftung.
Bereits im Vorfeld stieß der Workshop auf ein außerordentlich großes Interesse, was zum einen der breiten Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuzuschreiben ist, zum anderen aber auch die Relevanz des Themas unter Beweis stellt. Recht schnell musste daher die zunächst geplante Struktur mit ca. 50 Teilnehmenden überdacht werden. Von studentischer Seite sowie auch von zahlreichen NachwuchswissenschaftlerInnen haben die Veranstalterinnen immer wieder erfahren, für wie dringend notwendig eine solche kritische wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Gegenstand erachtet wird. Dies schlug sich dann auch im Teilnahmeinteresse nieder. Insgesamt mehr als 160 WissenschaftlerInnen und Studierende aus Berlin, anderen Teilen Deutschlands sowie aus der Schweiz und Österreich nahmen am Workshop teil. Alle ReferentInnen kamen mit ausgearbeiteten Vorträgen und referierten ausgehend vom aktuellen Forschungsstand und in innovativer Perspektive die Ihnen zugeschriebenen Fragen und Themen auf hohem wissenschaftlichen Niveau. Dabei hielten sie sich an den vorgegebenen Zeitrahmen von 25 Minuten. So war gewährleistet, dass intensive Diskussionen geführt und neue Forschungs- und wissenschaftspolitische Perspektiven eröffnet und fundiert situiert werden konnten.
In den ersten Panels des Themenkomplexes I (Historizität des Begriffes "Rasse") wurde die historische Genese des Konzeptes "Rasse" erörtert. Ein besonderer Fokus richtete sich dabei auf den intellektuellen Diskurs der Aufklärung, Begriffstradierungen bis hin zum Nationalsozialismus, die Frage nach dem diskursiven und strukturellen Erbe des Nationalsozialismus in der westdeutschen Nachkriegsmedizin und –biologie und die aktuelle Genozidforschung. Davon ausgehend wurde auf die Notwendigkeit verwiesen, aus postkolonialer Perspektive einen Kampf um die Bedeutung von "Rasse" zu führen, der auf eine Resituierung von Geschichte und Wissen abzielt. Dazu sei eine doppelte Bewegung erforderlich, die weg von "Rasse" als biologistischer Kategorie und hin zu Rasse als kritischer Analyse- und Wissenskategorie führt, die auf Rassifizierungsprozesse und ihre Dynamiken aufmerksam machen kann.
Es wurde herausgestellt, dass "Rasse" bereits seit Beginn des deutschsprachigen Diskurses immer auch kulturell und religiös interpretiert wurde und diese Zuschreibungskonnotationen dem Begriff bereits eingeschrieben sind. Die ideologische Konstruktion von "Hautfarbe" spielt hier ebenso eine große Rolle wie die mit der Kategorie Rasse immer mitzudenkende Kategorie Weißsein in ihrer Verschränkung mit anderen sozialen Ordnungen. Denn, dies stellt ein wesentliches Ergebnis des Workshops dar, "Rasse" hat immer hierarchisierende und komplementäre Beziehungsverhältnisse zum Ziel und erzeugt damit auf allen Seiten so genannte verstrickte Subjekte, wobei vor allem die rassifizierten Subjekte in einer erzwungenen Nähe zu dem aus dem Konstrukt "Rasse" herausfallenden Weißsein positioniert werden. Dies ist vor allem dann zu berücksichtigen, wenn kulturelle Darstellungsweisen in rassifizierende Strategien zur Aufrechterhaltung eines bestimmten Nationalverständnisses entworfen werden (etwa "Deutschsein" als synonym mit "Weißsein" gesetzt wird).
Gerade an solchen Diskussionsmomenten zeigte sich die Effizienz des transdisziplinären Ansatzes des Workshops. Dieser konturierte prominent auch den zweiten Block des Workshops, in dem aus disziplinkritischer Perspektive eine wissenschaftliche Standortbestimmung dieser Kategorie im deutschen Wissenschaftskontext unternommen wurde – ein Ansatz, der auch der abschließenden Podiumsdiskussion zugrunde lag. Nicht zuletzt die hier verorteten naturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Begriff "Rasse" trugen zur Problematisierung von Postulaten objektiver Begrifflichkeiten und von (naturwissenschaftlichen) Objektivitätsstrategien bei. Dabei wurde vor allem zur Biologie und zur Entstehungsgeschichte der Disziplin Psychologie referiert. Wichtige und für eine breitere Öffentlichkeit weitestgehend unbekannte Aspekte konnten mit der Diskussion um die Bedeutung von Massenmedien wie das Internet gewonnen werden. So war es wichtig herauszuarbeiten, dass Begriffsbezeichnungen nicht notwendigerweise mit dem Bedeutungsinhalt des Begriffes übereinstimmen und so noch häufig rassistische Sprachebenen im Internet sowie auch Sach- und Schlagwortkatalogen von Bibliotheken tradiert werden.
Ein weiteres Anliegen des Workshops bestand darin, die Relevanz interdisziplinärer Forschungsfoci zu demonstrieren. So konnten etwa kulturwissenschaftliche Perspektiven aktuelle pharmazeutische Entwicklungen diskursiv und strukturell kontextualisieren. Am Beispiel des ersten als rassespezifisch kategorisierten Herzmittels (ein jüngst in den USA zugelassenes Medikament) wurde so die Bedeutung von "Rasse" als Struktur- und Ordnungsprinzip für pharmazeutische Versuchsreihen identifiziert und hinterfragt. Hinsichtlich des erwähnten Beispiels etwa wurde herausgestellt, dass die Versuchsanordnung darauf aufbaute, dass nur mit Schwarzen ProbandInnen gearbeitet wurde.
Der Fokus des Workshops auf die strukturierenden und regulierenden Funktionen der Kategorie "Rasse" bestimmte auch die Analysen historischer, wissenschaftlicher und aktueller gesellschaftlicher Prozesse, die im Zentrum des letzten Themenkomplexes standen. Dabei wurde "Rasse" auch als interdependente Kategorie verortet und insbesondere in seiner Verschränkung mit Geschlecht und Religion verhandelt.
Die wissenschaftlichen Beiträge der Panels wurden in zwei Abendlesungen um künstlerische Auseinandersetzungen mit Rasse, Rassismus und Antisemitismus ergänzt. Während die Diskussionen in den Panels die Thesen der einzelnen Vorträge und die Themenanlage der Panels fokussierten, bot die abschließende Podiumsdiskussion und die daran anschließende Abschlussdiskussion den Raum aufbauend auf Befunde der vorangegangenen Panels allgemeine wissenschaftskritische und wissenschaftspolitische Perspektiven zu eröffnen.
Der Workshop machte deutlich, dass die Komplexität, die in der Kategorie "Rasse" – in ihrer Doppelseitigkeit als biologistische Tradierung als auch als Analysekategorie und wichtiges Instrumentarium nicht nur in postkolonialen Theorien und Diskursen – eingeschrieben ist, im universitären Alltag aus ihrem Nischendasein herausgeholt werden will. Die Resonanz, auf die diese Veranstaltung gestoßen ist, und das Echo, welches auch die wichtige Frage der Veranstalterinnen nach dem Transferpotential einer solchen Veranstaltung schließlich gefunden hat (die Einrichtung von virtuellen Diskussionsforen, turnusmäßigen NachwuchswissenschaftlerInnenforen und einer weiteren studentischen Gruppe unter Leitung der AG gegen Rassismus), kann durchaus als deutlicher Indikator verstanden werden, dass das Bewusstsein für die historische Präsenz und Relevanz von Rasse als kritischer Wissenskategorie in Wissenschaft und Gesellschaft erstarkt ist, welches geradezu nach einer weiteren Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Thema verlangt. Es wäre daher wünschenswert, wenn weitere, dieses Thema fortführende Veranstaltungen organisatorisch und finanziell möglich gemacht werden können.
Dezember 2005
Link: Black European Studies