| Buchvorstellung von Heike Jensen
"Die verschleierte Muslimin" und "der Islam": In der deutschen Mainstream-Presse gibt es seit geraumer Zeit kaum zwei Konzepte, die zuverlässig so kurzschlüssige, stereotype und emotionsbeladene Reaktionen in weiten Teilen des Publikums hervorrufen wie diese. Was aber kommt zum Vorschein, wenn man sich daranmacht, dieses Phänomen als Ausgangspunkt für eine ausgiebige kulturwissenschaftliche und geschlechterforscherische Untersuchung zu nehmen? Christina von Braun und Bettina Mathes haben dies getan, und in ihrem Fall wurde daraus eine umfassende Bestandsaufnahme des Verhältnisses vom Abendland zum Morgenland und der komplexen patriarchalen Strukturen, die in diesem Verhältnis zum Tragen kommen.
Das Anliegen ihres Buches ist es, die Kurzschlüsse, die die gesamtdeutsche Debatte um muslimische MitbürgerInnen und MigrantInnen allzu oft prägen, mithilfe eines kulturhistorischen Überblicks auszuräumen. Dadurch soll der Weg geöffnet werden, Deutschland als Einwanderungsgesellschaft offen und kompetent gestalten zu können. Für dieses Unterfangen, so macht das Buch unmissverständlich klar, ist ein ehrlicher Umgang mit Geschichte und Gesellschaftsstruktur unumgänglich, einschließlich der verdrängten Rassismen und Sexismen, die Deutschland bis heute prägen. Das Buch wird der deutschen "Mehrheitsgesellschaft" somit schwer im Magen liegen, denn es räumt gründlich mit der Basis für die Dünkel gegen die verschleierte Muslimin und "den Islam" auf. Aber genau darin besteht auch das Lesevergnügen für diejenigen, die mutig genug sind, ihre eingefahrenen Denkweisen und lieb gewonnenen Sicherheiten zur Disposition zu stellen.
Die verschleierte Muslimin: Fremd? Rückständig? Unemanzipiert?
Das Bild der verschleierten Muslimin wird in Deutschland oft benutzt, um eine religiös sanktionierte Unterdrückung von Frauen durch Männer in dieser "fremden" Religion und Kultur zu konstatieren, die der Emanzipation von Frauen in der deutschen Mehrheitsgesellschaft entgegensteht. Von Braun und Mathes arbeiten komplexe historische und gesellschaftliche Bezüge auf, die zeigen, dass sich die Grundannahmen dieser Lesart nicht halten lassen.
Zunächst zeigen die Autorinnen auf, dass das Kopftuch alles andere als "fremd" und klar muslimisch konnotiert ist. Kopftuch und Schleier als Teile der weiblichen Bekleidung entstammen der vorislamischen Zeit. Kopfbedeckungen unterschiedlichster Art finden sich im Christentum und den auf ihm basierenden säkularen Gesellschaften in vielen Epochen und eingebunden in die unterschiedlichsten Kleidervorschriften und Moden von Frauen. Auch heute werden Kopftücher und Schleier noch getragen, und zwar nicht nur von Nonnen und Bräuten, sondern auch als Teil alltäglicher, nichtreligiöser Frauenbekleidung.
Von Braun und Mathes arbeiten gleichzeitig heraus, dass die Kleidungsvorschriften und Kleidungspraxen in muslimischen Gesellschaften im Hinblick auf Schleier und Kopftuch historisch ähnlich wandelbar gewesen sind wie die der nichtmuslimischen Gesellschaften. In allen Fällen lassen sich Kopftuch und Schleier kaum als rein religiöse Zeichen verstehen, sondern verbinden die unterschiedlichsten Bedeutungen auch im Hinblick auf Politik, gesellschaftliche Schicht, Bildung und anderes. Zudem entwickelten sich die entsprechenden Kleidungspraxen in muslimischen und nichtmuslimischen Gesellschaften nicht abgeschottet voneinander und in "Reinkultur", sondern sie beeinflussten sich wechselseitig, und zwar sowohl innerhalb eines Kulturraumes als auch Kulturräume übergreifend.
Die Autorinnen weisen ferner die Vorstellung zurück, dass die Verhüllung des weiblichen Körpers per se rückständig und fremdbestimmt und seine Entblößung per se progressiv und selbstbestimmt ist. In den Zusammenhang mit der westlichen Geschichte der visuellen Wahrnehmung und der Medienentwicklung in diesem Bereich gestellt, zeigt sich nämlich eine männliche Eroberung der Macht des Blickes – über den physischen Raum und die Welt insgesamt sowie über den Frauenkörper im Besonderen. Im Rahmen dieser kulturellen Logik kann die eigene Verhüllung auch als weibliche Strategie der Zurückweisung des männlichen Blickes und seiner Machtanmaßung verstanden werden, während die eigene Entblößung vor dem männlichen Blick und seiner taxierenden Bewertung und Kontrolle auch als Aspekt der Selbstauslieferung gelten kann.
Die Autorinnen machen somit deutlich, dass Verhüllung und Enthüllung des weiblichen Körpers gleich erklärungsbedürftig sind. Frauen navigieren in beiden Fällen mit ihren Entscheidungen komplexe Verbote, Gebote und Verhältnisse, die zeitgebundene, politische, religiöse, kulturelle, modische, biographische und andere Komponenten beinhalten. In der stereotypen Interpretation des Kopftuchs als Zeichen weiblicher Ohnmacht und Fremdheit sehen die Autorinnen hingegen eine "Übertragung des Unbehagens an der eigenen Kultur auf die fremde Frau" (S. 224). Von Braun und Mathes zeigen in verschiedenen Kapiteln auf, inwiefern in dieser Übertragung die verdrängte Gewalt der Geschichte des Christentums und des Kreuzes, der Säkularisierung und des Kolonialismus nachwirkt.
Mannigfache patriarchale Strukturen
So wenig die Vorstellung der Wahrheit entspricht, dass alle Kopftuch tragenden Musliminnen durch patriarchal-religiöse Strukturen zur Verhüllung gezwungen werden, so wenig entspricht die Vorstellung von der vollständigen Emanzipation von Frauen in der deutschen Mehrheitsgesellschaft den Tatsachen. Von Braun und Mathes verweisen hier wiederum zu Recht auf die erstaunliche Bereitschaft der Mehrheitsgesellschaft zur selektiven Wahrnehmung. Dabei erscheinen mir zwei von ihnen herausgearbeitete Gegenüberstellungen als besonders prägnant: die allgemeine Empörung über Ehrenmorde gegenüber der fast völlig fehlenden Empörung über Liebesmorde in Deutschland, und die breite Empörung über Zwangsheirat gegenüber der weit weniger scharfen Empörung über Zwangsprostitution und die entsprechenden Formen des Sextourismus.
Ehrenmorde und Liebesmorde
Im Hinblick auf Ehrenmorde und Liebesmorde arbeiten die Autorinnen die jeweiligen patriarchalen Symbol- und Sozialstrukturen heraus, innerhalb derer der weibliche Körper als Symbol der Gemeinschaft und ihrer Organisationseinheiten funktioniert und Männer die Aufsichtsgewalt besitzen. Zwar ist diese Aufsichtsgewalt als Recht zur Tötung von Frauen nicht (mehr) legal verbrieft. Aber sowohl die beträchtliche Anzahl der Frauenmorde, als auch ihre oft milde strafrechtliche Ahndung zeigen, dass die diesen Morden zugrunde liegenden patriarchalen Logiken durchaus noch wirkungsmächtig sind und somit Aspekte der "emotionalen Gleichschaltung" (S. 330-1) in der jeweiligen sozialen Gruppe bilden. Im Falle von Ehrenmorden, so führen die Autorinnen die jeweiligen patriarchalen Logiken aus, soll ein vermeintlicher Verrat an der Institution der unsterblichen Gemeinschaft geahndet werden, den eine Frau durch die Ehrverletzung ihrer Sippe oder ihres Stammes begangen hat. Im Falle von Liebesmorden wird ein vermeintlicher Verrat an der Institution der unvergänglichen Ehe konstatiert, den eine Frau durch die Aufkündigung einer symbiotischen, heterosexuellen Liebesbeziehung begangen hat.
Zwangsheirat und Zwangsprostitution
Für den Vergleich von Zwangsheirat und Zwangsprostitution ziehen die Autorinnen Überlegungen über die unterschiedlichen, im Orient und Okzident über Jahrhunderte entwickelten Vorstellungen zu Besitz und Geldwirtschaft heran und verfolgen, inwiefern diese für die Geschlechterverhältnisse relevant sind. Für muslimische Patriarchate habe sich eine vom Besitz bzw. Gegenwert nie entkoppelte Wertvorstellung des Geldes ergeben, die auch den Besitz von Frauen als Gut einschließt. Historisch schlug sich dies u.a. in der Institution des Harems nieder, die ihrerseits die Phantasien des Okzidents beflügelte. Für die Patriarchate des Christentums und ihre säkularen Ausformungen habe sich hingegen langsam eine Vorstellung von Geld als reinem, von jeglicher "Deckung" freiem Symbol ergeben, die in der Prostitution als reinem, temporären Tauschgeschäft zwischen Geld und Frauenkörper ihre Entsprechung fand. Gleichzeitig bestätige die Prostitution, dass das völlig abstrakte Geld tatsächlich eine völlig reale Macht über Körper ausüben kann. Diese Macht tritt bei Zwangsprostitution und dem entsprechenden Sextourismus besonders brutal zu Tage.
Ehrenmorde und Liebesmorde, Zwangsheirat und Zwangsprostitution stellen also ähnlich frauenfeindliche Akte dar, die jedoch in unterschiedliche Sozial- und Symbolsysteme eingebettet sind. In Deutschland werden derzeit hauptsächlich Ehrenmorde und Zwangsheirat skandalisiert, während Liebesmorde und Zwangsprostitution als gesellschaftliche Probleme eher ignoriert werden. Dies verdeutlicht einerseits, welches hier das wirkungsmächtigere und damit unhinterfragtere Sozial- und Symbolsystem ist. Und es zeigt andererseits, in welcher Verschränkung von Rassismus und Sexismus dieses dominante System funktioniert und Wahrnehmungen strukturiert.
Patriarchale Tiefenstrukturen
Die vorangegangenen Ausführungen zur Macht des Blicks, zu Sozial- und Symbolstrukturen sowie Geldlogiken zeigen bereits, dass sich von Braun und Mathes in ihrem Buch nicht nur mit vermeintlich nahe liegenden Aspekten der Geschlechterverhältnisse in muslimischen und christlich-säkularen Kontexten beschäftigen. Sie verfolgen diese bis in die religiösen, kulturellen und symbolischen "Tiefenlogiken" hinein. Dabei beschäftigen sich die Autorinnen beispielsweise ausführlich mit unterschiedlichen Vorstellungen über Gott, männlichem und weiblichem Individuum, Gesellschaft und Nation, über geistige und körperliche Vaterschaft, über Abstraktion, Schrifttum und Oralität sowie über Zeitwahrnehmung und "Fortschritt". Der schwierige Balanceakt, den die Autorinnen dabei zu bewältigen suchen, besteht darin, einerseits "idealtypisch" (S. 429) vorzugehen und andererseits sowohl die internen Widersprüche als auch die lange Geschichte der Beziehungen zwischen Orient und Okzident adäquat reflektieren zu wollen.
Besonders die Beziehungsgeflechte, so argumentieren die Autorinnen, müssen unter dem heutigen Globalisierungsdruck besser verstanden werden, um sie fruchtbarer fortführen sowie Fundamentalismen und Terrorismen verstehen und entgegen wirken zu können. Vor allem ist dabei aufzuarbeiten, inwiefern die Geschlechterordnungen das eigentliche, zentrale Thema der Auseinandersetzungen bilden, und in wiefern sich auf diesem Gebiet eigene Sexismen in Rassismen und rassistisch-sexistische Vorstellungen und Vorurteile wandeln, die den Umgang mit Anderen prägen.
Kritische Schlussbemerkungen
Das Buch zeigt, wie notwendig und aufschlussreich eine sorgfältige Aufarbeitung gesellschaftlicher Probleme aus der Perspektive der kulturwissenschaftlichen Geschlechterforschung ist. Mit ihrem Beitrag bereichern die Autorinnen die deutsche Debatte um "die Mehrheitskultur" und "den Islam" sowie um MigrantInnen, Integration und Fundamentalismen, indem sie die verdrängten Aspekte dieser Debatte und deren historische Wurzeln offen legen. Zum Vorschein kommt dabei vor allem die Gewalt – sowohl die physische Gewalt als auch die Gewalt der Kulturtechniken - durch die sich die säkulare deutsche Gesellschaft in ihren spezifischen sexistischen und rassistischen Facetten etabliert hat, sowie die Effekte der allgemeinen Verdrängung dieser Gewalt. Dabei geht es den Autorinnen keineswegs darum, Deutschland als besonders monströs darzustellen, sondern sowohl die Allgemeingültigkeit der dargestellten Dynamiken für unterschiedliche Länder und Kulturräume aufzuzeigen, als auch deren Spezifika sowie die Ergebnisse ihrer Interaktion verständlich zu machen.
Kritisch anzumerken ist, dass der gebotene "idealtypische", Überblick über die unterschiedlichsten, normativ-patriarchalen Logiken und Verdrängungsmechanismen letztendlich sehr erschlagend wirkt. Die Frage, inwieweit ein Wissen um diese Logiken ihre Überwindung möglich machen könnte, stellt sich in dieser Art der Darstellung nicht durchgängig. Ein möglicher Aktionsradius von Menschen wird vor allem im Hinblick auf die Auseinandersetzung von muslimischen Frauen mit der Frage des Kopftuch-Tragens sichtbar gemacht, wobei deren Entscheidungen für oder gegen das Kopftuch eine Abwägung verschiedener Bedeutungsebenen beinhalten. Was das Buch in jedem Fall nahe legt, ist, dass ohne ein Verständnis der in einem Kontext jeweils relevanten Bedeutungsebenen und –strukturen auch keine produktiven Interventionen stattfinden können. Dies sollte sich die deutsche "Mehrheitskultur" definitiv zu Herzen nehmen.
Die Autorin
Heike Jensen arbeitet an ihrer Habilitation in der Geschlechterforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie lehrt und veröffentlicht schwerpunktmäßig zu Gendertheorien und zur Informationsgesellschaft.
Lesen Sie das Interview mit der Autorin Christina von Braun unter muslimische-stimmen.de |