Buchrezension von Andrea Mesch
Güner Yasemin Balcis Roman „Arabboy“ ist harter Stoff. Mit schonungsloser, manchmal brutaler Offenheit führt uns die Autorin in eine Welt, die ihr zwar vertraut, die aber nicht die ihre ist. Das Buch erschüttert, rüttelt auf und lässt einen nachdenklich und zuweilen ratlos zurück. Was geht uns die Welt eines kriminellen, drogenabhängigen, Frauen und Deutsche verachtenden jungen arabischen Mannes an? Viel, denn er lebt mitten unter uns.
| Rashid A. wächst als Sohn einer libanesisch-palästinensischen Familie in Berlin Neukölln auf. Die mit strenger patriarchalischer Hand geführte Großfamilie lebt im von Arabern und Türken dominierten Rollbergviertel. Schon früh flieht Rashid aus den viel zu engen Verhältnissen der elterlichen Wohnung ins Milieu der Jugendlichen Neuköllns. Dort adaptiert er schnell das Gesetz der Straße. Wer Schwäche oder gar Mitgefühl zeigt hat verloren. Rashid glaubt, nur wer sich mit brutaler Härte gegen andere durchsetzt, hat eine Chance einmal der Armut und Tristesse des Viertels zu entfliehen. Sein Leben bewegt sich zwischen Schuleschwänzen, Einbrüchen, Schlägereien, Arbeitslosigkeit und Vergewaltigungen. |
 Güner Yasemin Balci, Arabboy, S. Fischer Verlag, 2008
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Bald ist er die rechte Hand des Rotlichtkönigs Aabid, doch während er noch vom schnellen Geld und teuren Autos träumt, ist er schon ein drogenabhängiger Krimineller, der schließlich da landet, wo der Traum vom Paradies sein jähes Ende findet: erst im Knast und dann im Flugzeug. Abgeschoben.
Rashid ist ein typischer Vertreter der so genannten „Parallelgesellschaft“. Aufgewachsen in einer Familie, in der Gewalt und Unterdrückung an der Tagesordnung sind, einer Familie, der es weder gelingt, die alten, zu Heilsversprechungen stilisierten Traditionen aufrecht zu erhalten, noch in der neuen Gesellschaft anzukommen. In einer Gesellschaft, die es viel zu lange versäumt hat, MigrantInnen zu integrieren, gar ein herzliches Willkommen auszusprechen, eine Gesellschaft die angesichts massiver Gewalt hilflos scheint und allzu oft mit Unverständnis und Ablehnung reagiert.
Das Leben in Deutschland repräsentiert für Rashid und seine Freunde eine Freiheit, in der sie für sich keine Chance erkennen können, sondern die sie als Schwäche verstehen. Selbstentfaltung und Individualismus sind in ihrem Wertekatalog gleichbedeutend mit schandhafter Freizügigkeit und Sittenverfall. Ihr eigenes Weltbild ist durch und durch autoritär und geprägt von Misogynie und Antisemitismus, vom Glauben an die Macht des Stärkeren, von Gewalt und Unterdrückung.
Diese Vorstellungen sind nicht vereinbar mit den Grundwerten demokratischer Verfassungen und müssen zurückgewiesen werden. Doch eins ist klar, die Verteidigung einer freiheitlich-demokratischen Verfassung verläuft nicht entlang einer Wir-Gegen-Die-Anderen-Gefechtslinie, nicht Innen gegen Außen, Deutsche gegen Ausländer. Vielleicht führen die Taten eines Rashid uns an den Kern einer Freiheit, die sich schützen, sich vielleicht sogar eingrenzen muss, um frei zu bleiben. Die Paradoxie dieser Herausforderung gilt es anzunehmen.
Die kriminelle Energie der in Balcis Roman beschriebenen arabischen (und deutschen) Jugendlichen muss auch als Versuch gedeutet werden, aus der Unterwerfung unter die väterlichen autoritären Strukturen auszubrechen. Ihre Taten sind nicht nur als Angriff auf die Werte freiheitlich-demokratischer Gesellschaften zu deuten, sondern nicht zuletzt auch als Rebellion gegen die verkrusteten Strukturen einer gewalttätigen patriarchalischen Herkunftsfamilie. Besonders eindringlich auf den Punkt gebracht wird die verzweifelte Lage Rashids, als er eines Tages seine Lehrerin bespuckt und diese ihn nach Hause begleitet, um mit seinen Eltern zu sprechen. Dort angekommen, muss die Lehrerin mit ansehen, wie Rashid von seiner Mutter mit einem Stromkabel verprügelt und selbst angespuckt wird.
Wenn wir genau hinsehen, entdecken wir verborgen in Rashids Innerem die unerfüllte Sehnsucht nach Anerkennung. Er mag seinen Mathelehrer, weil dieser ihm einmal seine Tasche anvertraut hatte. Doch als bekannt wird, dass Rashid eine Mitschülerin vergewaltigt hat und der Lehrer seine Abscheu vor dieser Tat deutlich zum Ausdruck bringt, wird aus dem potentiellen Freund in den Augen Rashids sofort ein illoyales und unzuverlässiges Schwein. Wir müssen erkennen, dass Rashid unfähig ist, Gefühle wahrzunehmen oder gar Mitgefühl zuzulassen. Das tut weh. Uns, wenn es gelingt, hinter den schrecklichen Taten Rashids den Menschen zu entdecken und Empathie zu entwickeln und Rashid selbst, weil am Zulassen von Gefühlen, sein Weltbild zerbrechen müsste.
Die Autorin Güner Yasemin Balci ist selbst als Kind türkischer Eltern im Rollbergviertel in Berlin Neukölln aufgewachsen. Sie weiß wovon sie spricht, kennt die Menschen im Kiez und ihre Probleme. Und doch straft sie Rashid mit ihrer eigenen Existenz Lügen. Sie verkörpert das, was wir als „gelungene Integration“ bezeichnen. Sie beweist, dass es einen Weg heraus gibt, der nicht in die Kriminalität führt, es gibt nicht nur die Sprache der Gewalt, sondern die viel kräftigere Sprache der Poesie.
Stilistisch ist der Roman nicht immer gelungen. Im Balanceakt zwischen der nötigen Distanz zum Erzählten und der intimen Kenntnis der Verhältnisse versucht G.Y. Balci einerseits sich ihren Protagonisten im Sprachstil der Straßen zu nähern und andererseits, die Position einer neutralen Erzählerin einzunehmen. Das führt dazu, dass die sprachlich erzeugte Nähe seltsam geglättet erscheint. Dadurch entsteht ein zuweilen sehr diffuses Bild, das ganz zu Unrecht, unglaubwürdig wirkt. Vielleicht wäre Balci dem Leben Rashids in Form einer Dokumentation gerechter geworden.
Das wütende Aufbegehren Rashids trifft uns mitten ins Herz. Rashid führt uns an die Grenzen des Liberalismus und macht gleichzeitig deutlich, dass es außerhalb dieser Grenzen kein freies und friedliches Zusammenleben geben kann. Wir müssen unsere Werte verteidigen, nicht gegen Rashid, sondern für ihn. Nur wenn es gelingt, die Substanz demokratischer Werte am Leben zu erhalten und Freiheit nicht einem paranoiden Bedürfnis nach Sicherheit zu opfern, behält die Vielfalt des Zusammenlebens ein menschliches Gesicht.
Oktober 2008