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David Neuwirth ist Vorsitzender des Vereins Jüdisch-Muslimischer Dialog (JuMuDia) und studiert u.a. Jura. Sümeyye Doğan ist Gründungsmitglied des Vereins und studiert u.a. Islamwissenschaften.

 
 
 
Eigenbilder & Fremdbilder
von David Neuwirth und Sümeyye Doğan

„Treffen sich ein Jude und ein Muslim.“ So, oder so ähnlich, könnte ein Witz beginnen, doch ist es die treffendste Beschreibung für das Ziel des Jüdisch-Muslimischen-Dialogs. Nicht allein treffen, sich begegnen und verstehen wollen wir einander. Auch wenn Juden und Muslime bereits seit der Entstehung des Islams zusammen gelebt haben und über viele Jahrhunderte hin im Dialog standen, kann man behaupten, dass der „Dialog“ als organisierte Form des bürgerlichen Engagements bis dato eher selten anzutreffen ist. Vor dem Hintergrund der heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen ist ein solcher Dialog aus unserer Sicht notwendig.

In einer Phase, in der man weitgehend unabhängig von konkreten Ideologien und festgefahrenen Ansichten ist, fehlt vor allem jungen Leuten die Plattform, um sich einander näher zu kommen und sich auszutauschen. Dies wollen wir ändern.

Zwei Zuwanderungsgeschichten

Über die letzten Jahrzehnte haben die westeuropäischen Länder, darunter auch Deutschland, dank der Einwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen, an einer bemerkenswerten Vielfalt gewonnen. Zu dieser Vielfalt zählen auch die verschiedenen Religionen und Glaubensgemeinschaften.

Die junge Generation mit Migrationshintergrund stammt dabei zu wachsendem Anteil aus Familien, in denen Religion – insbesondere der Islam – in der Fremde einen ganz besonderen Status erlangt hat. Interessant ist zu sehen, dass z.B. in vielen Einwanderer-Familien aus der modernen und laizistischen Türkei, zunehmend religiöse Riten als fester Bestandteil des Alltags gesehen wurden bzw. immer noch werden. Der Islam, mit all seinen Facetten auch in den europäischen Gesellschaften vertreten, ist im Brennpunkt. Nach offiziellen Schätzungen leben 3,8 und 4,3 Millionen MuslimInnen in Deutschland. Anzumerken ist, dass diese oft zitierte Zahl allerdings pauschal alle in Deutschland lebenden Menschen aus mehrheitlich muslimischen Herkunftsländern erfasst und nicht nach der individuellen Glaubenspraxis differenziert.

In den letzten zwei Jahrzehnten war Deutschland auch das Ziel einer großen jüdischen Einwanderungswelle. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre sind über 100 000 Juden nach Deutschland eingewandert, in manchen Jahren also mehr als nach Israel oder Amerika. Dadurch erscheint auch die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland gesichert.

Die jungen Jüdinnen und Juden sowie Musliminnen und Muslime in Deutschland werden als Angehörige einer Minderheit geboren und mit einer Mehrheitsgesellschaft konfrontiert, die ihnen auf unterschiedliche Art und Weise begegnet. Vielen der Jugendlichen mit islamischem Hintergrund gelingt es  in Folge der schlechten Wirtschaftssituation ihrer Familien sowie der immer größer werdenden sozialen Ausgrenzung nicht, völlig in der Gesellschaft anzukommen. Diese Frustration kann zur Nischenbildung führen. Auch als Nicht-MigrantIn fühlt man sich als Individuum in einer Massengesellschaft, wie der unsrigen, oft verloren. Die von Haus aus gegebene „Herkunft“ und Religion sind feste Instanzen. Ein Wertegerüst, auf das man sich verlassen kann.

Der gemeinsame Nenner in der deutschen Gesellschaft müsste doch aber Folgendes sein: sich als aktiver Teil Deutschlands zu sehen, als deutsche Jugendliche. Viel eher identifizieren sich die Jugendlichen mit ihren sogenannten Herkunftsländern und der Gesellschaft dort, deren sozio-politische Komplexität sie hier nicht einmal erahnen können. Das hat auch zur Folge, dass sie sich mit im Grunde weit entfernten Konflikten identifizieren. Der Nahostkonflikt beispielsweise wirft einen langen Schatten, der bis nach Europa reicht.

Auch die jüdischen Jugendlichen in Deutschland trotzen einem Anpassungsdruck der Mehrheitsgesellschaft. Sie müssen sich in einem Land integrieren, das vor noch nicht allzu langer Zeit Schauplatz von Gräueltaten des Faschismus war. Viele von diesen Jugendlichen oder zumindest ihre Eltern haben zudem Migrationserfahrung, sodass sie einen anderen Bezug zu Deutschland haben als die „deutschen“ Jüdinnen und Juden. Somit sitzen sie zwischen allen Stühlen. Denn auch die Minderheit der „Altansässigen“ betrachtet sie oft mit Skepsis. Die Identitätsfrage bleibt zentral für sie. Und die Zwiespältigkeit des „Jüdisch-Seins“ in Deutschland äußert sich auch in einer stärkeren Beziehung zu Israel.

Aufgaben und Ziele des jüdisch-muslimischen Dialoges

“Heute müssen wir über den kurzsichtigen Fokus auf jüdisch-christlichen Beziehungen hinwegkommen und sich der wirklichen Herausforderung des 21. Jahrhundert stellen: Dem jüdisch – muslimischen Dialog”. Mit diesen Worten wurde der Rabbiner Marc Schneier, Vorsitzender der Foundation for Ethnic Understanding unlängst anlässlich einer neuen Initiative des höchsten amerikanisch-jüdischen Dachverbandes im Online-Magazin HAARETZ.com zitiert.

Der jüdisch-muslimische Dialog steht vor einer besonderen Herausforderung durch die gegebenen Verhältnisse: der Nahostkonflikt stellt die größte Schwierigkeit dabei, um aufeinander zuzugehen. Allerdings dient der Dialog als organisierte Form des bürgerlichen Engagements nicht dazu, ja er hat nicht die Fähigkeit, das politische Elysium herbeizubringen. Ziel des Dialogs ist es vielmehr, ein differenziertes Verständnis der jeweils anderen Religion, Kultur und Identität mit ihren vielfältigen Positionen, Diskursen und Erscheinungsformen zu gewinnen. Religiöser Eifer entsteht oft durch eine Mischung aus Unwissenheit und Vorurteilen, weshalb der Weg zur gegenseitigen Achtung zwischen den Dialogpartnern über das vertiefte Wissen führen muss. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer solchen Initiative können dann ihrerseits Einfluss in ihren Gemeinden ausüben und dadurch gesamtgesellschaftlich wirken.

Besonders Jugendliche haben das Potential, eine neue Dynamik in diesen langfristigen Prozess einzubringen. Als junge Menschen sehen wir unser Potenzial darin, durch den Dialog, etwas Neues zu lernen und uns auch persönlich weiterzuentwickeln. Auch wenn der Islam im Fokus der letzten Jahre stand und mittlerweile Meinungen, Interpretationen und Prophezeiungen über seine Wirkung wie Unkraut aus dem Boden sprießen, muss man sich Mühe geben, mit einer ungetrübten Sicht in den Dialog zu treten. Es ist fast unmöglich, völlig vorbehaltlos die komplexe Beziehung zwischen Jüdinnnen und Juden und Musliminnen und Muslimen zu sehen. Aber unerlässlich für das Funktionieren von beidseitigem Verständnis ist der offene Geist und die offene Hand, die bereit sind, Neues aufzunehmen.

Von virtuellen zu realen Begegnungen - Die Gründung der JuMuDia

Vor drei Jahren entstand das Diskussionsforum „JuMuDia“ auf dem studentischen Online-Portal StudiVZ. Ausschlaggebend für die Gründung unserer Initiative war das Interesse an einem interkulturellen Austausch. Durch diese und ähnliche Internetplattformen, werden die facettenreichen und unterschiedlichsten Gruppen zusammen gebracht. Diese Funktion machten wir uns zu Eigen, um muslimische und jüdische Jugendliche zu versammeln. Der Andrang war und ist sehr hoch und auch bei der Übertragung in die reale Welt haben wir viele Erfolge verbuchen können.

So haben wir unter anderem jugendliche Jüdinnen und Juden und Musliminnen und Muslime in Frankfurt, Köln, Essen und Duisburg zusammengebracht und gemeinsam Programme veranstaltet. Dabei bemühen wir uns stets, am Ort des Treffens jeweils, eine jüdische und eine muslimische Ansprechperson zu finden, die uns Einblick in das jeweilige Gemeindeleben vermitteln kann. Die Anknüpfung an die örtlichen Gemeinden eröffneten uns Möglichkeiten, die wir alleine vielleicht nicht gehabt hätten.

In Duisburg gelang es uns, exklusiv eine Besichtigung, der im Bau befindlichen Ditib-Moschee, zu machen. Dort konnten wir die einmaligen kalligraphischen Kunstwerke bestaunen und bei der Gelegenheit auch über kritische Themen sprechen – wieso der Islam nicht rechtlich als eine Religionsgemeinschaft anerkannt ist, aber auch wie sich der Widerstand gegen den Moscheebau im Lande entwickelte. In Gelsenkirchen wiederum wurde eine Gruppe jüdischer und muslimischer Studentinnen und Studenten durch die Räumlichkeiten einer traditionell-orthodoxen jüdischen Gemeinde geführt. Dort erfuhren sie, wie die vor 15 Jahren noch vom Aussterben bedrohte Gemeinschaft in den vergangenen Jahren durch den Zuzug osteuropäischer Jüdinnen und Juden stark gewachsen ist und wie die Gemeinde sich bemüht, ihren Mitgliedern mehr als nur eine Gebetsstätte zu sein.

Auf unserem eigenen Internetblog werden ausgewählte Berichte und Beiträge zu den verschiedenen Veranstaltungen veröffentlicht. So werden die Eindrücke und kleinen Errungenschaften der Zusammenkünfte auch einem breiteren Publikum vorgestellt. Zudem bietet sich unseren Mitgliedern so die Möglichkeit, über deutschlandweite, für unsere Initiative interessante, Veranstaltungen zu schreiben. Dazu gehörten z.B. in der Vergangenheit eine Tagung über das gesellschaftliche Feindbild „des Juden“ und „des Muslims“ im Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung, oder das von der Bundeszentrale für Politische Bildung organisierte „Zukunftsforum Islam“.

Neben den informellen Gesprächen und dem Kennenlernen des Gemeindelebens bemühen wir uns auch, den Jugendlichen die theologischen Berührungspunkte beider Religionen zu veranschaulichen. Denn es gehört auch zum Gewinn des Dialogs, dass das Studium anderer Religionen zu neuen Einsichten über die eigene führen kann.

Jüdinnen und Juden sowie Musliminnen und Muslime glauben an einen einzigen, allmächtigen – und vor allem gleichen – Gott und praktizieren das Bilderverbot. Beide Religionen erkennen das postmortale Leben und die Zehn Gebote an, preisen gutes Handeln, beten in die Richtung ihrer heiligsten Orte. Sie haben ähnliche Prophetengeschichten und betrachten Noah, Abraham, David und Salomon gleichermaßen als ehrbare Vorfahren. So wie der Koran an vielen Stellen auf das Erbe des Judentums und Geschichten aus der Torah verweist, wurden bedeutende jüdische Gelehrten wie Maimonides von der islamischen Mystik beeinflusst und haben auch in arabischer Sprache geschrieben. Derartige Beobachtungen können zeigen, wie man sich gegenseitig beeinflusste und aufblühen ließ, ohne die eigene Identität zu verlieren.

Im Rahmen eines Treffens wurde beispielsweise der sogenannte Schi’ur (Vortrag und gemeinsame Kontemplation über Passagen aus der Torah) gehalten und über die verschiedenen Lehrmeinungen zur Geburt von Ishmael und Isaac berichtet, die es in jüdischer religiöser Tradition gibt. Die Geschichte von Abraham/Ibrahim und seinen beiden Söhnen nimmt eine, für den jüdisch-muslimischen Dialog unentbehrliche, Schlüsselfunktion ein. Durch ähnliche Exkurse wollen wir den jugendlichen TeilnehmerInnen zeigen, dass ein Dialog mehr als ein oberflächliches Interesse an der Existenz des Anderen verlangt.

Gleichzeitig empfinden wir es als wichtig, den Zusammenhalt der Jugendlichen bei Fragen der Herangehensweise an die Mehrheitsgesellschaft zu fördern. Denn die Ausgangslagen ähneln sich in vielen Aspekten und auch hier kann man vieles voneinander lernen.

Ausblick

Die Bestrebungen nach Erfolg, d.h. der Wunsch eines funktionierenden Dialogs, führten zur Einleitung unserer Vereinsgründung. In der Zukunft wollen wir uns auch auf gemeinsame Stellungnahmen zu Fragen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz konzentrieren. Um fassbare Erfolge verbuchen zu können, ist es wichtig konkrete Ziele anzustreben. Der Verein dient als Sammelbecken für Ideen und ermöglicht durch seine Struktur deren Umsetzung: Vom Ideal zur Wirklichkeit. Das ist der Weg, den der Dialog gehen und überleben muss.

März 2010

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