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Amartya Sen, Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen , C.H. Beck: München 2007, 208 Seiten, ISBN 978 3 406 55812 2

 
 
 
Buchvorstellung
Buchbesprechung von Micha Brumlik

Beim Thema Islam und Islamismus werden inzwischen selbst die liberalsten Zeitgenossen nervös – nicht ohne Grund, denn tatsächlich bedroht der radikale Islamismus wie keine andere Ideologie gegenwärtig das Freiheits- und westlicher Gesellschaften. Dieser Stimmung schien vor Jahren Samuel Huntingtons inzwischen sprichwörtlich gewordenes Buch „Clash of Civilization“, in Deutschland unter dem Titel „Kampf der Kulturen“ erschienen, zu entsprechen. Huntington, der sich zuvor jahrelang mit der Dynamik des Kalten Krieges auseinandergesetzt hat, war in diesem Buch bemüht, nach dem Zusammenbruch des Sowjetblocks neue Ordnungsmuster der internationalen Beziehungen zu identifizieren und kam zu dem Schluß, dass sich dazu religiös begründete kulturelle Selbstverständnisse besonders eignen: als deutlichstes Beispiel galt ihm  der Islam. Tatsächlich scheint ja unbezweifelbar, dass an den meisten gewaltsam ausgetragenen Konflikten Muslime so oder so beteiligt sind – von den Philippinen bis nach Zentralafrika. Huntingtons Vorschlag  zum besseren Verständnis der Konflikte wurde indes bald als normativer Entwurf verstanden – ein Umstand, an dem der Autor nicht ganz unschuldig war. Seither stehen im politischen Diskurs des Westens Muslime unter Generalverdacht.

Der aus Indien stammende Nobelpreisträger der Ökonomie, Amartya Sen, Gatte der Sozialphilosophin Martha Nussbaum, erinnert in dieser Situation an eine Reihe sozialwissenschaftliche Selbstverständlichkeiten, die – das beweist die verballhornte Aneignung von Huntingtons Thesen -  völlig in Vergessenheit geraten sind.
Amartya Sen weist erstens darauf hin, dass sozialwissenschaftliche Begriffe wie „Kultur“, „Sozialisation“ oder „Klasse“ zunächst wirklich nur sprachliche, bedeutungsgeladene Gebilde, Kategorien, also Konstrukte sind, die der Wirklichkeit dessen, worauf sie sich beziehen, keineswegs eins zu eins entsprechen. Er stellt zweitens – in gut liberaler Manier – fest, dass es wiederum einzelne menschliche Personen, also Individuen sind, über die wir in den Sozialwissenschaften sprechen – wenngleich in Form großer Gruppen mit hunderttausenden oder Millionen solcher Individuen. Sen bringt schließlich drittens in Erinnerung, dass die Zuschreibung von Kategorien wie „muslimisch“, „weiblich“, „dieser oder jener Schicht zugehörig“ die „Identität“ einer Person oder einer Gruppe von Personen weder zwingend noch ausreichend bestimmen kann und dass solche, von außen vorgenommenen Zuschreibungen den einzelnen Individuen nicht nur nicht gerecht wird, sondern ihnen auch Unrecht tut. Daher ist endlich viertens festzustellen, dass das, was wir umgangssprachlich als die „Identität“ einer Person behaupten, zunächst und vor allem von ihr selbst entworfen und verantwortet wird. Paradoxerweise sind es jedoch  vermeintlich progressive politische Bewegungen, die die Integrität von Identitäten schützen wollen und dabei die Rechte von Individuen massiv beeinträchtigen.

Der falsche Gebrauch sozialwissenschaftlicher Kategorien kann jedoch auch in der internationalen Politik, im Verständnis großer gesellschaftlicher Gebilde zu gravierenden Fehleinschätzungen führen. Aus intimer Kenntnis führt Amartya Sen hier Indien an, ein riesiges Land, einen Subkontinent, der gerne – im huntingtonschen Sinne – als „hinduistische“ Zivilisation bezeichnet wird. Dabei wird nicht nur die Geschichte dieses Landes geklittert, in dem der Buddhismus entstanden ist und lange Zeit hegemonial war, ein Land, in dem neben Anhängern verschiedener Hindu Religionen auch Sikhs und Dschainas leben, sondern auch unterschlagen, dass in Indien auch nach der Gründung Pakistans eine der größten muslimischen Bevölkerungen der Welt lebt. Was bei oberflächlicher Betrachtung wie eine homogene, fremde Kultur wirkt, ist in Wahrheit einer seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden erfahrene, multikulturelle Gesellschaft.

Sens  Kritik an Ideologien kollektiver Identität ist aber keineswegs als naives Plädoyer für eine platte Übertragung westlich - individualistischer Kategorien auf andere Zivilisationen mißzuverstehen. In luziden historischen Exkursen zumal zu Konzepten von Toleranz und Demokratie kann er nachweisen, dass auch und gerade „nichtwestliche“ Großreiche einer „asiatischen“ Antike eine Politik der religiösen Toleranz kannten. Anregend und auf jeden Fall einer intensiven Auseinandersetzung würdig ist seine These, dass die politische Demokratie keineswegs nur im antiken Griechenland entstanden ist, sondern auch in der öffentlichen Aussprache sogar vorhochkultureller Stammesgesellschaften ihre Vorläufer hatte.

Es leuchtet unmittelbar ein, dass die Entfaltung einer globalen Menschenrechtskultur und die Ausbreitung demokratischer Institutionen umso erfolgreicher sein werden, je mehr sie sich auf vorfindliche Traditionen stützen können.

Sens Erinnerung an sozialwissenschaftliche Selbstverständlichkeiten ist leider notwendig: Angesichts sog. „kommunitaristischer“ Theorien, vor dem Hintergrund einer Kulturalisierung sozialer Konflikte ist es unumgänglich, darauf hinzuweisen, dass nicht alles, was wie ein kultureller Konflikt oder eine Auseinandersetzung über kollektive Identitäten aussieht, auch tatsächlich durch „Kultur“ zu erklären ist – jedenfalls solange nicht, als nicht auch andere Kategorien wie „race“ (d.i. Hautfarbe) „class“ und „gender“ hinzugezogen worden sind.

Sens Buch ist aus einer Reihe von Gastvorlesungen hervorgegangen und zeichnet sich durch große Anschaulichkeit, kaum noch zu überbietende Klarheit und hohe theoretische Stringenz aus. Es zeigt sich, dass die klassische, empirisch – analytische, im Geist des methodologischen Individualismus betriebene Sozialwissenschaft am Ende zu besseren, weil freiheitsbewußteren Ergebnissen kommt als eine ähnlichen Themen gewidmete, oft verquaste, meist unverständliche, „postkolonaliale“ Theoriebildung.

März 2007

Der Autor

Micha Brumlik ist Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main mit den Schwerpunkten Pädagogik, Ethik, Theorie und Empirie moralischer Sozialisation sowie Religionsphilosophie.