| Aischa Ahmed bespricht den Sammelband „re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland“
Eine Anthologie wie re/visionen auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung zu besprechen, bietet Anknüpfungs- und Reibungspunkte, die nicht nur Thema und Teil dieses Buches sind, sondern die diskursiven Verflechtungen der in dieser Publikation aufgeworfenen „Fragmente und Anhaltspunkte“ widerspiegeln. Re/visionen bringt, wie es im Klappentext heißt, „erstmals Stimmen von ausnahmslos People of Color“ in Deutschland zu Gehör, von mehr als 40 Personen, die als AutorInnen, InterviewpartnerInnen, als KünstlerInnen, AkademikerInnen, LiteratInnen, als AktivistInnen und ZeitzeugInnen zu Wort kommen.
Diese Vielstimmigkeit lässt sich kaum in angemessener Weise wiedergeben. Es sollen daher beispielhaft einige Beiträge vorgestellt werden, die ein Grundprinzip von re/visionen verdeutlichen: das Überschreiten von Genregrenzen und identitären Zu-Ordnungen.
| Wie lässt sich ein postkoloniales Deutschland denken? Und wie wird in einem postkolonialen Deutschland gedacht? Dies sind tragende Fragen des Buches. Sie deuten auf ein Anliegen der HerausgeberInnen Kien Nghi Ha, Nicola Lauré al-Samarai und Sheila Mysorekar hin, „nach neuen analytischen Kategorien“ zu suchen, um die „postkolonialen Machtverhältnisse“ in Deutschland aufzudecken und zu erfassen. Der Begriff People of Color bietet einen solchen Analyserahmen, denn andere Bezeichnungen erfassen die Realität nicht (mehr), da sie Weiße Normen reproduzieren oder weil – wie am der/des Migrantin/Migranten verdeutlicht – vermeintlich neutrale Bezeichnungen einer rassifizierten Kartographie unterliegen. |

re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland, herausgegeben von Kien Nghi Ha, Nicola Lauré al-Samarai und Sheila Mysorekar. Münster: UNRAST-Verlag 2007.
| Schwarze Menschen – das deutsche Synonym zu People of Color – gelten nach dominanter Perspektive, egal ob sie erst kürzlich oder schon vor hunderten von Jahren eingewandert sind, als „Andere“ der Gesellschaft, als „Andere“ Europas. Es geht also um Machtverhältnisse, und eine Form der hegemonialen Formierung ist es, Menschen durch kulturalistische und rassifizierende Zuschreibungen unbeweglich zu machen, zum Schweigen zu bringen.
Dagegen wenden sich die unterschiedlichen Beiträge der AutorInnen und GesprächspartnerInnen. Und sie tun dies nicht mit einem verbissenen, einseitigen Gegendiskurs oder einem Fingerzeig, sie tun dies, indem sie sich mit Humor – das englische „wit“ würde diesen Zusammenhang am besten beschreiben – und positioniertem Wissen ihre eigenen Bahnen brechen.
Struktur
Prozesse des Anderns (Othering), des „Zum/Zur-Anderen-gemacht-Werdens“, sind wiederkehrendes Thema aller Beiträge in re/visionen. Sie werden auf unterschiedliche Art und Weise verhandelt. Es ist auffällig, wie viele Artikel sich explizit oder implizit aufeinander beziehen. Die Komposition des Buches trägt dazu bei, den inhaltlichen Verknüpfungen eine verbundene Struktur zu geben.
Von außen nach innen und wieder hinaus ließen sich die Überschriften der einzelnen Teile anordnen. Geht es im ersten Part („Rassismus und Politik“) noch um eine Bestandsaufnahme und dekonstruktive Annäherung an Themen wie Migration und Rassismus, folgen im zweiten Teil („Macht und Ermächtigungen“) kritische (Selbst-)Interventionen. Der dritte Part („Selbstbestimmung und Kultur“) bietet dezidierte Positionierungen anhand von Beispielen aus Kultur und Geschichte und abschließend („Widerstand und Community“) folgen mehrheitlich Interviews und einzelne Texte, die sich unter dem Thema Aktivismus subsumieren lassen.
Das Buch entzieht sich einer chronologischen, linearen Lesart. Die über den gesamten Band verteilten „geschichtssplitter“, die biographische Einschreibungen von Einzelpersonen oder Gemeinschaften in die Mehrheitsgeschichte vorstellen, betonen die Fragwürdigkeit dieser Chronologien.
Migrationsgeschichte und Rassismus
Drei der Beiträge dieses Sammelbandes schreiben bzw. zeichnen sich satirisch in die Debatten zu Migration und Integration ein.
- Der Comic „Kanakmän“ von Muhsin Ormuca dokumentiert eine Leib gewordene Verwandlung, eine Integration, die (nicht) vollständig glückt. Der Kabarettist und Schauspieler Fatih Çevikkollu befasst sich in „Der Integrator“ mit den Schattenseiten einer ähnlichen Metamorphose. Mutlu Ergün führt in den „Geheimen Tagebüchern des Sesperado“ die gewitzigte Auseinandersetzung mit Herkunftsfragen erfrischend fort, indem er eine Rangliste von Antwortmöglichkeiten erstellt.
- Sascha Zinflou umreißt ein „Entwurfsmuster des deutschen Rassismus“ und bewerkstelligt in diesem „theoretischen Überblick“ gänzlich ohne Fußnoten eine dichte Beschreibung rassistischer Ideologien bundesrepublikanischer Alltagsdiskurse. Seine Analyse präsentiert gleichzeitig Strategien, die gesellschaftliche Interventionen ermöglichen.
- Kien Nghi Ha erweitert mit seinem Text zur „Koloniale[n] Arbeitsmigrationspolitik im Imperial Germany“ die Überlegungen zum Thema Rassismus um die historischen Hintergründe aktueller Migrationsdebatten. Er zeigt Formen rassifizierter Arbeitsteilungen auf, die ihre Kontinuitäten vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart haben. Von den sechs namentlich gekennzeichneten Beiträgen des Mitherausgebers ist dies sicher sein prägnantester Text. Wobei es fragwürdig ist, den nur ein paar Jahre zuvor schon auf über 50 Seiten veröffentlichten Artikel auf sieben Seiten gekürzt wiederholt zu publizieren. Hier wäre es erfreulicher gewesen, an seinen neueren Überlegungen zu diesem Thema teilhaben zu können.
- Young-Sun Hong hingegen ist innovativ in ihren Ausführungen zur westdeutschen südkoreanischen Frauenbewegung. Ihre Zusammenschau von Gender, Rassifizierung und Transnationalismus bietet im Gegensatz zu vielen deskriptiven Anwesenheitsaufnahmen migrantischer Geschichte(n) einen kritischen Zugang. Hong zeigt, dass Widerstand durch geteilte Erfahrungen in einem diskriminierenden System entstehen kann und nicht nur Gemeinschaftsbildung befördert, sondern auch ein kollektives Geschichtsbewusstsein, das sich diasporisch bildet und weiterbildet. Ihr Beitrag korrespondiert mit einem Interview der genannten koreanischen Frauengruppe, das dem Sammelband „Zuhause“ entnommen ist. An dieser Stelle ergibt der Wiederabdruck Sinn, weil er – wie viele der Beiträge – Theoriewissen und Erfahrungswissen miteinander verbindet.
Theorie- und Erfahrungswissen
- Widerständige Überlegungen leiten die „Reflexionen eines peruanischen Musikethnologen über eine Feldforschung in den ‚traumatischen Tropen’ Deutschlands“ von Julio Mendívil. Seine Interventionen in das „zivilisierte Denken“ stellen eine Kritik eurozentrischer Ethnologiekonzepte vor, er entlarvt Formen des Othering anhand einer Bestandsaufnahme des deutschen Schlagers als Schablone für die Idealisierung deutscher bürgerlicher Lebensform.
- Paul Mecheril geht einen Schritt weiter. Seine Überlegungen zur „blasse[n] Uneigentlichkeit rassifizierter Anderer“ thematisieren die internalisierte Ebene von Rassifizierungen. Mecheril wagt einen Zugang, der nicht nur durch den Inhalt, sondern auch seine Form besticht. Es ist ein literarischer Text, der poetische Zäsuren und Theorie verbindet und dadurch die analytische Festschreibung von Erfahrungen der Rassifizierung zu einem prosaischen Gedicht verwebt.
- Auch Maureen Maisha Eggers begibt sich mit ihrem Beitrag beziehungsvoll in die Debatte zu möglichen Formen kollektiven Widerstands in hegemonialen Kontexten, von denen sie sich vor allem mit Rassifizierungen und Vergeschlechtlichungen auseinandersetzt. Ihre theoriereiche Ermächtigung schließt Ansätze von Bourdieu mit ein, die sie kritisch in ihr eigenes Erfahrungswissen einarbeitet. Der Text lebt von literarischen und literarisierten Beispielen und führt das alltagsgeschichtliche Eigen-Sinn-Konzept als Strategie widerständiger Kollektivierung in einen wirklich eigenwilligen Kontext ein.
- Christiane Hutsons Artikel mit der - wie sie selbst bemerkt - Aufmerksamkeit erregenden Titulierung „Schwarzkrank?“ geht rassifizierenden Krankheitskonstruktionen nach und entlarvt damit Kontinuitäten kolonialer Machtverhältnisse. Ihr Text ist in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich: Mit feinem Gespür verbindet sie eine Analyse der Rassifizierungen von (und durch) Krankheit innerhalb Weißer Mehrheitsdiskurse mit ihren eigenen autobiographischen Erfahrungen, um weiterführend die gentechnologischen Hintergründe dieser biopolitischen Klassifizierungen aufzuzeigen. Echos aus Zeiten, in denen die Eugenik eine angesehene Wissenschaft war, sind an dieser Stelle deutlich vernehmbar. Doch damit nicht genug, generiert Hutson auch einen aktivistischen Umgang mit Krankheit und ruft dazu auf, „über unsere kranken Schwarzen Körper zu reden“.
Positionierungen und Aktivismus
Eigenständige Positionsbestimmungen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch und im dritten Teil, „Selbstbestimmung und Kultur“, erhalten sie in mehrfacher Hinsicht einen kritischen künstlerischen Gehalt.
- Isidora Randjelovic erhebt Panna Czinka, die einzige bekannte Frau, die als Primas einer Roma-Kapelle vorstand, aus dem historischen Vergessen und verbindet in ihren Ausführungen eine Aufzeichnung historischer Kontinuitäten des Antiziganismus mit widerständigen Strategien, die eine gemeinschaftliche Erinnerungskultur ermöglichen. Ihr Vergleich mündlicher Erzählungen mit dem Spiel der Geige in der Kapelle ist auch eine Aufforderung, innerhalb der eigenen Gemeinschaft weiter zu erzählen.
- Alexander Weheliye verbindet eine kritische Durchleuchtung der Vorstellungen von Gemeinschaft und die ihnen inhärenten Ideen des „Volk-Seins“. In Anlehnung an Agamben kritisiert er den Ausschlusscharakter, der mit nahezu jeder Gemeinschaftsbildung einhergeht. Ausgehend von diasporischen Theorieentwürfen problematisiert er Imaginationen von „Volk-Sein“ in der Schwarzen deutschen R&B- und HipHop-Szene, um - auf May Ayim rekurrierend –eine „Zwischenwelt“ als Alternative anzuempfehlen.
- Auch in der Roundtable-Diskussion von Fatima El-Tayeb, Stephen Lawson, Daniel Kojo Schrade und Hito Steyerl ist die potentielle Form von Schwarzer Gemeinschaftlichkeit ein Thema. Hito Steyerl bringt ihre Überlegungen mit dem Prinzip der Montage auf den Punkt. Sie bezeichnet sie als eine Verbindung von Unvereinbarem, die sichtbar gemacht werden müsse. Denn: „Letztendlich gibt es [...] nur eine Form, in der Gemeinschaft erscheinen kann, ohne potentiell gemein zu sein: als jener unassimilierbare Rest, der immer übrig bleibt, wenn die Gesellschaft in Mehrheiten und Minderheiten zersplittert.“ (Hito Steyerl, S. 326)
- Wie viel über Gemeinschaftlichkeit und ihre Geschichte(n) erfahren werden kann, zeigen vor allem die Interviews mit Menschenrechtsaktivist Gaston Ebua vom The VOICE Refugee Forum und den Aktivistinnen Katja Kinder, Ria Cheatom und Ekpenyong Ani von ADEFRA. Gaston Ebua kritisiert die Subsumierung von Menschen unter dem Begriff „Flüchtling“ oder „Asylbewerber“ als eine Strategie, um Personen sprachlos zu machen, sie ihrer eigenen Geschichte zu berauben. In seinen komplexen gedanklichen Verknüpfungen werden erneut die theorie- und erfahrungswissenschaftlichen Überschreitungen deutlich, die re/visionen auszeichen. Dieses Interview ordnet nicht allein circa 15 Jahre Widerstandsarbeit von The VOICE in einen größeren historischen Kontext ein, der koloniale Muster des Ausschlusses nachzeichnet. Ebuas Reflexionen über ideengeschichtliche Festschreibungen stellen diskursive Gewohnheiten zum Thema Asyl und Flucht in Frage und können somit auch als kritische Theorieinterventionen gelesen werden. Die Aktivistinnen von ADEFRA, einem Verein für Schwarze Frauen in Deutschland, berichten über die mehr als zwanzig Jahre existierende Schwarze Frauenbewegung in Deutschland und diskutieren die unterschiedlichen Schwerpunkte, die in dieser Geschichte erstritten wurden. Die Gesprächspartnerinnen betonen, dass sie sich heute weniger als Schwarze Frauen denn als Schwarze Aktivistinnen sehen.
Genremigrationen – Überschreitungen – Weiterschreiben
Genreüberschreitungen finden in re/visionen nicht allein durch die Kombination wissenschaftlicher, literarischer, poetischer, satirischer Texte und eines Comics statt, sie schleichen sich auch über die Verknüpfung von Theorie- und Erfahrungswissen sowie die Gleichsetzung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit ein. Und es ist diese Kombination aus Theoriebildung, ihrer Anwendung und dem Aufzeigen von (Gegen-)Strategien, die re/visionen aus gängigen Werken zur Postkolonialität in Deutschland hervorhebt. Die „prüfende Wiederdurchsicht“ (Re/vision), die die HerausgeberInnen in der Einleitung proklamieren, ist gelungen. Das Buch bietet „healing theory“, heilende Theorie an, die zum Nach- und Überdenken wie auch zum Weiterschreiben einlädt und dadurch neue Rahmenbedingungen eröffnet.
Es lässt sich zusammenfassen, dass die einzelnen Beiträge schon Wegmarkierungen eines, vielleicht noch virtuellen, gedanklichen Netzwerkes sind, das nicht durch einfache Kategorisierungen entsteht, sondern gerade durch un-gewisse Identifikationen, durch solche, die „veruneindeutigen“. Die intertextuellen Bezugnahmen der einzelnen AutorInnen und GesprächspartnerInnen aufeinander zeigen, dass es schon längst ein People-of-Color-Verständnis gibt, das kollektivierten Eigen-Sinn verbreitet.
Juni 2008 |